Zu nachtschlafender Zeit hämmerte es heftig gegen die Vordertür des kleinen Hauses. Anna und Thomas waren eben ins Bett gegangen. Anna schlief bereits, als Thomas durch das Klopfen hochschrak. Er griff sich einen Knüppel, den er immer neben seinem Bett stehen hatte und ging zu Vordertür. Noch auf dem Weg bemerkte er seinen Irrtum: Wenn es sich um Räuber handeln würde, kämen diese denn auf die Idee, ihr Kommen mit Klopfen anzukündigen? Wohl kaum! Dies veranlasste ihn, den Knüppel in die Ecke zu stellen, dennoch griffbereit, falls er ihn doch benötigen würde. Eilig ging er zur Tür und öffnete sie einen Spalt, um zu sehen, wer zu dieser Zeit Einlass verlangte.

Wie erstaunt war er, als Jakob vor ihm stand, dessen Auftreten dem eines Diebes glich.

„Was machst du denn hier? Mein Gott, was ist passiert, du siehst ja schrecklich müde aus!“

„Thomas, Gott sei Lob und Dank, dass man euch in Allstedt kennt und man mir auch zu solcher nachtschlafenden Zeit den Weg zu deinem Haus zeigen konnte. Ist es möglich einzutreten?“
“Natürlich, Freund! Immer und jederzeit. Sag, was ist mit dir, du machst auf mich einen fürchterlichen Eindruck und deinem Klopfen nach zu schließen, ist die gesamte Leibgarde des Papstes auf deinen Fersen!“

Jakob trat ein und schüttelte seinen Mantel in die Ecke, draußen regnete es in Strömen.

Thomas bot ihm einen Platz am Feuer an und legte neue Holzscheite auf die bereits ersterbenden Flammen. Dankbar hielt sein Gast die Hände über das wieder erstarkende Feuer und rieb sie aneinander. Auch den angebotenen heißen Wein nahm er gerne an. So saßen sie einige Zeit nebeneinander, Thomas wollte seinen Gast zuerst einmal zur Ruhe kommen lassen, auch wenn ihm eine Unmenge Fragen auf den Lippen lagen.

Jakob saß mit hängenden Schultern am Feuer, klammerte sich an dem heißen Getränk fest, welches Thomas ihm gereicht hatte und begann nach einiger Zeit mit leiser Stimme zu erzählen:

„Ich habe mir ja bereits gedacht, dass wir uns nicht alle in Mainz wieder treffen werden. Insgeheim hatte ich gehofft, Arnulf und euch beide wieder zu sehen, Dinner und Michel hatten sowieso bereits seit längerem vor, die Puppenspielerei an den Nagel zu hängen. Sie wollten irgendwo zusammen ein kleines Gasthaus eröffnen.

Letztendlich erschein nur Karl, über dessen Verlässlichkeit ich mich zwar freute, doch mir war klar, dass er nur in der Hoffnung gekommen war, Anna wieder zu sehen.“
Mit einem Seitenblick drehte er seinen Kopf zu Thomas.

„Anna ist hinten in der Schlafstube und schläft, ich hole sie später. Der Kleine fordert seinen Tribut. Erzähle weiter, was ist passiert?“


“Zu Zweit war natürlich an ein Spectaculum nicht zu denken, zumal Karl daran eigentlich überhaupt kein Interesse hatte. So bot ich mich dem Mainzer Bäcker Johann an, als Arbeiter in seiner Stube. Damit hatte ich ein angemessenes Einkommen, das es mir ermöglichte, in Mainz zu bleiben und darauf zu hoffen, vielleicht irgendwann einmal wieder die Spielleute zusammenführen zu können.“

„Wir haben uns hier in Allstedt ein neues Leben aufgebaut, Anna und ich. Mehrmals schon haben wir mit dem Gedanken gespielt, auf die Suche zu gehen nach unseren alten Gesellen, um zumindest die Nachricht zu hinterlassen, dass es uns gut, fast zu gut geht. Aber irgendwie…“

Mit einem Blick auf die leere Wiege am anderen Ende der Stube meinte Jakob: “Ihr habt wirklich Kinder?“

„Einen Sohn, unser Ein und Alles. Aber er ist nicht allein der Grund, weshalb wir nicht nach Mainz gekommen sind. Die Zeiten sind hart und gefährlich!“
“Wem sagst du das“, erwiderte Jakob. „Ich habe gehört, dass ihr hier in Allstedt bereits Pest-Fälle habt?“
“Ja, unsere ganze Sorge gilt unserem Kleinen, dessen Gesundheit von Anfang an ein wenig angeschlagen war. Ich wüsste nicht, wie wir weiterleben könnten, würde ihm etwas passieren. Er ist unsere Hoffnung auf eine bessere Zeit. Er soll das durch uns erfahren, was wir nie erfahren durften.“

„Ihr tut gut daran, euch in euer Nest zu vergraben. Ich hoffe für euch, dass ihr nicht dasselbe durchmachen müsst wie wir. Mainz leidet wie ein Hund, momentan sind es noch einzelne Fälle, aber jeder der die Erzählungen über die Pest kennt weiß, dass sie vor keiner Tür Halt macht und unbarmherzig ihre Opfer sucht.“
“Bist du deshalb aus Mainz weg?“


“Ich wusste nicht mehr wohin ich gehen sollte, aber keine Angst, ich hatte keinen direkten Kontakt mit Kranken. Es scheint Gottes Wille zu sein, dass dieses Mal der Kelch der Sieche an mir vorübergeht.“

Thomas Gedanken überschlugen sich. Einerseits freute er sich über das Wiedersehen mit Jakob ungemein, andererseits hatte er seine Zweifel daran, dass es tatsächlich möglich sei, einem Pestherd mit heiler Haut zu entkommen. Innerlich drängte es ihn Anna hinzu zu ziehen, deshalb stand er auf, unterdrückte sein Verlangen Jakob auf die herab hängenden Schultern zu klopfen und ging nach hinten um Anna zu wecken.

Flüsternd erklärte er ihr die Situation, doch hielt er sie zurück, die wahrscheinlich freudestrahlend dem späten Gast um den Hals gefallen wäre.

„Anna, denke an Immanuel, gib dich als keusche Ehefrau des Thomas, nicht als tanzender Derwisch der Spielleute. Tu’s für unseren Kleinen.“

Dementsprechend kühl war die Begrüßung, als Anna und Jakob zusammentrafen, wenn auch die Augen des Mädchens leuchteten, wie dies Thomas schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Doch sie hielt sich an Thomas Bitte und vermied den direkten Körperkontakt, was auch Jakob nicht verborgen bleiben konnte.

„Liebste Anna, was freue ich mich dich zu sehen!“

Offensichtlich hatte er mit den Tränen zu kämpfen, denn seine Stimme erstarb in einem Hustenanfall, mit dem er seine Gefühle zu kaschieren versuchte, was ihm jedoch nur schwerlich gelang.

„Was waren das für Zeiten, als wir gemeinsam durch die Wälder zogen. Ich sehe, euch ist es gut ergangen und es ist das eingetreten, was ich seinerzeit bereits Karl gesagt habe.“


“Was hast du Karl gesagt – hast du ihn gesehen? Wie geht es ihm?“

„Ja ich habe ihn gesehen, eben habe ich Thomas davon berichtet. Er trauert seiner Zeit mit dir nach. Das Spielmannstum scheint für ihn gestorben zu sein, ebenso wie für dich. Er verschwand aus Mainz, ehe die Pest über uns hereinbrach…

Ich habe ihm bereits bei Thomas ersten Erscheinen in unserer Truppe, damals im Wirtshaus geweissagt, dass ihr beide füreinander geschaffen seid und nicht etwa, was er immer gehofft hatte – er und die kleine Anna. Und genauso ist es doch gekommen.“ Er drehte den Kopf wieder weg von Anna in Richtung der inzwischen hell auflodernden Flammen in der Feuerstelle.

„Ihr habt die Pest in Mainz? Ist es sehr schlimm?“
“So schlimm, dass ich beinahe ohne Halt zu machen durchgelaufen bin und in einem erbärmlichen Zustand bei zwei mir inzwischen fast fremd gewordenen Menschen sitze, ja Anna, so schlimm ist es!“

„Du kannst immer bei uns bleiben“ und mit einem Blick auf Thomas, der zustimmend nickte, sagte Anna: “Im hinteren Teil den Hauses haben wir noch eine kleine Kammer, die dir ausreichen müsste, bis du wieder auf eigenen Beinen stehen kannst. Wäre das nicht schön, wenn wir alle zusammen in Allstedt leben könnten?“

Auch für Thomas hatte dieser Gedanke etwas Beruhigendes, insgeheim schämte er sich für sein Misstrauen Jakob gegenüber, vielleicht die Pest zu ihnen ins Haus geschleppt haben zu können. Woher war nur seine Angst gekommen?

Innerhalb einer Woche erkrankte Jakob schwer und man brachte ihn bereits delirierend in eines der nahen Siechenhäuser, wo er innerhalb weniger Tage starb. Im Hause Thomas ging die Angst um, dass die Pest nun auch die kleine Familie treffen könnte – trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. In unmittelbarer Umgebung ihres Hauses starben immer mehr Menschen an der heimtückischen Seuche, immer mehr Häuser wurden von außen für alle ersichtlich gekennzeichnet, dass es darin Pestopfer gegeben hatte, oder noch immer gab. Thomas Haus war nicht gekennzeichnet, doch das hatten sie nur dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass Jakob an einer seltenen Form der Krankheit gelitten hatte und man ihm, als man ihn in das Siechenhaus transportiert hatte, noch nicht ansah, dass es sich auch um die Pest handelte. Als er dann verstarb, war schon an etlichen Stellen der Stadt ein heilloses Durcheinander ausgebrochen, sodass man es schlichtweg vergaß, die üblichen Zeichen am Haus anzubringen.

Dieser Umstand verschaffte Thomas und seiner kleinen Familie noch ein wenig mehr Bewegungsfreiheit, obwohl sie sich auch so kaum mehr aus den eigenen vier Wänden heraus trauten. Eiligst wurden die Besorgungen für das tägliche Leben gemacht, was hauptsächlich Thomas erledigte, da Anna es vorzog, mit Immanuel im vermeintlich sicheren Zuhause zu bleiben. Dieses Leben hielten sie auch einige Wochen aus, aber die Auswirkungen des um sie herrschenden Chaos in Allstedt erreichte auch sie irgendwann.


Eines Morgens nach einer durchwachten Nacht, die sie gemeinsam an der Seite ihres Sohnes verbracht hatten, der sich mehrmals übergeben hatte und unter schrecklichem Fieber litt, erkannten sie am folgenden Morgen, dass auch er sich angesteckt haben musste, auch wenn sie es sich nicht erklären konnten wo. Es war kein Mittel gegen die Pest bekannt – es konnten sich nur die den Kranken umgebenden Menschen selbst schützen, indem sie sich fernhielten. Doch diese Lösung war sowohl für Anna, als auch für Thomas unakzeptabel, für sie stand fest, dass sie ihren kleinen Sohn pflegen wollten, vielleicht hatte Gott ja ein Einsehen mit ihm und würde ein Wunder vollbringen und ihn erretten. Im Grunde seines Herzens wusste Thomas jedoch, dass dem Kleinen nicht zu helfen war. Aufopfernd pflegten sie ihn, versuchten so gut das eben ging, seine Schmerzen zu lindern. Aber alle Liebesmühe war vergebens, sein Husten nahm immer mehr zu, bis er sogar Blut zu spucken begann. Seine Eltern mieden alle Körperausscheidungen von ihm, mieden den direkten Kontakt mit seinem Blut, wie ihnen dies eine Heilkundige einmal geraten hatte. Sie verwandten Angelikawurzel in großen Mengen und in unterschiedlichen Formen, um sich weitestgehend selbst vor der Pest zu schützen.

Seit jener Nacht, in der sie an seinem Bett ausgeharrt hatten, verschlimmerte sich sein Zustand immer weiter. Der kleine Mensch war längst nicht mehr bei Bewusstsein, dennoch sang ihm Anna wie um ihn zu beruhigen, verschiedenste Weisen vor und selbst Thomas, der es ansonsten immer verstand, seine Gefühle zu verbergen, nahm oft in Tränen aufgelöst seinen kleinen Sohn in den Arm und wiegte ihn zärtlich. In jener Zeit sprachen Anna und Thomas sehr wenig miteinander, denn jedes Wort war zuviel, in einer solchen Situation. Sie konnten sich auch gegenseitig keinen Mut zusprechen und ihr Glaube an Gott wurde auf eine gefährliche Probe gestellt.

Nachdem keine Besserung in Sicht war und auch der eilends herbeigerufene Arzt sie mit der schrecklichen Diagnose entsetzt hatte, dass es sich tatsächlich um die Pest handle, begannen sie sich von ihrem Kinde zu verabschieden. So hatten sie keine Freunde um sich, sondern saßen still schweigend am Bett des leidenden Kindes und hielten jeder eine Hand, die sie sanft streichelten.

‚Seine Hand fühlt sich so kalt an, so kalt’, dachte Thomas. Immanuel hatte zu husten aufgehört, sein Atmen war nur noch ein leise vernehmbares Röcheln und auch das wich dann irgendwann mit einer wenn auch erwarteten, so doch plötzlich erscheinenden Stille, die den ganzen Raum auszufüllen schien. Der kleine Mensch war tot.

Anna begann zu schreien und mit Gott zu hadern, nahm den kleinen leblosen Körper in die Arme, drückte ihre mütterlichen Küsse auf die eingefallenen Wangen und die Stirn des Jungen, während Thomas vor sein Haus trat und tief die kühlende Nachtluft in sich aufsog. Er wusste nicht, weswegen er mehr litt: Wegen des Verlustes seines einzigen Kindes, oder ob der Tatsache, dass es Anna nicht zu verkraften schien. Er nahm sich einen Krug Wein, den er in einem Zug leerte und beobachtete das immer noch hektische Treiben in den Straßen Allstedts. Es waren bereits erschreckend viele Häuser mit dem Zeichen der Pest gekennzeichnet, wahrscheinlich gab es keine einzige Familie mehr, die nicht mindestens einen Toten zu beklagen hatte. `Was für eine schreckliche Welt! ` dachte Thomas, `wer hatte ein solches Leben und Sterben verdient? Wer war besser dran – die Toten, oder Jene, die sie hinterließen und die ein Leben lang mit diesem Schmerz leben mussten? `

Bis zum Einbruch der Dunkelheit saß er still vor seinem Haus und dachte an nichts Bestimmtes. All seine Gedanken schienen wie durcheinander gewürfelt, er war unfähig, sie in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen und dies lag nicht nur an dem Wein, den er getrunken hatte. Das Schluchzen, das aus dem Inneren des Hauses herausdrang, hatte im Laufe der Zeit nachgelassen, eine gespenstische Stille war an dessen Stelle getreten.

Thomas stand auf und ging zurück in die Stube. Vor ihm breitete sich ein Bild unendlicher Trauer aus: Sein Sohn lag aufgebahrt wie ein Engel in seinem Bettchen. Fest ihre Arme um ihn geschlungen, hatte sich Anna eng an ihn gekuschelt, als wolle sie sein Leben das längst aus ihm gewichen war, festhalten. Es schien als schliefe sie, doch ihr Atem ging zu stoßweise, als dass ihr Mann dies wirklich denken könnte – auch wenn sie die Augen geschlossen hielt. Die Tränen waren ihr auf den Wangen getrocknet und hinterließen eine leichte Salzspur auf ihrer Haut. Vorsichtig löste er ihre Finger von dem kleinen Körper und bettete ihn in sein Kinderbettchen. Dann nahm er Anna auf die Arme und legte sie so wie sie war in ihre noch von der Nacht zuvor zerwühlte Bettstatt. Die ganze Zeit über hielt sie die Augen geschlossen und reagierte auf keine von Thomas Berührungen. Sie ließ sich tragen wie eine Puppe, jegliche Kraft schien aus ihrem Körper gewichen zu sein. Lange blickte ihr Mann auf seine zusammengekauerte Frau, schließlich gab er ihr einen gehauchten Kuss auf die Wange und wandte sich dann dem bisher schwersten Geschäft seines Lebens zu.

Er schlug den Körper seines Sohnes in das Laken ein, auf dem er lag. Ehe er sein Gesicht bedeckte, streichelte er noch einmal die bereits eingefallenen Wangen. ‚Wie schnell das Leben aus einem Körper weicht’, dachte er bei sich. ‚Eben noch mit Kraft gefüllt und jetzt ist allein eine Hülle übrig, die in kürzester Zeit wieder zu Staub geworden sein wird’. Seine Handlungen waren sehr bedächtig, ihm schien es so, als stehe er neben sich und beobachte sein Tun von außerhalb. Er nahm den eingewickelten Körper und trug ihn aus dem Haus, den Wagen und Karren folgend, die ebenfalls den letzten Weg beschritten hatten und ihre Toten aus den Häusern beförderten. Der Wind fuhr ihm durch seine Haare, er fröstelte, was nicht an den Temperaturen lag, eine innere Kälte begann sich in ihm auszubreiten. Um ihn herum war lautes Klagen zu hören, aber Etliche hatten selbst dazu keine Kraft mehr und führten ihre Toten still und stumm zum Sammelplatz außerhalb Allstedts.

Thomas Marsch durch die Gassen der Stadt dauerte fast eine ganze Stunde, in der er noch einmal die schönsten und bewegendsten Momente ihres gemeinsamen Lebens mit dem Kleinen durchlebte. Was hatte er bei dessen Geburt für Ängste ausgestanden um Mutter und Kind, wie froh und über alle Maßen glücklich war er, als beide sich recht schnell erholten. Welch Wunder, wie schnell Immanuel am alltäglichen Leben teilnahm, wie er von Stolz erfüllt, allen Freunden berichtete, als der Kleine ihn das erste mal bewusst angelächelt hatte. Immer selbständiger wurde der kleine Mensch, bald reichte Annas Milch allein nicht mehr für seine Nahrung aus und er begann mehr und mehr dieselben Dinge zu essen wie seine Eltern.

Die Töne, die er von sich gab, vermittelten Mutter und Vater, je älter er wurde, deutlich mehr als Unzufriedenheit, Wonne oder Schmerz.

Und dann die Zeit, als sie begannen Angst um ihn zu bekommen, als die ersten Pestfälle in Allstedt bekannt wurden – und schließlich Jakobs Sterben in ihrem Haus. Hatte doch der Freund die tödliche Seuche eingeschleppt? Thomas mochte sich darüber keine Gedanken machen, denn es war müßig, sie hatten sich unendlich gefreut, den alten Freund wieder zu sehen und es stand außer Frage, ob sie ihn aufnehmen sollten oder nicht. Außerdem hatte Jakob keinerlei direkten Kontakt mit Immanuel gehabt und es gab unzählige Beispiele, wo sich Bewohner Allstedts sogar in ihren Häusern eingeschlossen hatten mit ihren Familien und dennoch der Seuche nicht entkommen waren. Dennoch ließ die Anzahl der Toten allmählich leicht nach, auch wenn niemand wusste, ob mit einem erneuten Erstarken der Seuche zu rechnen war. Aber was nutzte diese Erkenntnis, selbst wenn der einzige Sohn einer der Letzten gewesen wäre, die vom Schnitter geholt würden? Er war unwiederbringlich aus ihrer Mitte gerissen.

Als Thomas in die Nähe der großen Feuer kam, die vor den Toren der Stadt brannten, hatte er sich innerlich vom Körper seines Sohnes getrennt. Dieses Bündel hatte nichts mehr mit dem Lebenden zu tun. So fiel es ihm nicht so schwer wie er anfänglich dachte, als er mit einer leisen Verabschiedung auf den Lippen den kleinen Körper jenen Mönchen übergab, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Pesttoten so schnell wie möglich zu verbrennen. Es blieb keine Zeit mehr für aufwendige Bestattungen, doch der in der Luft liegende ununterbrochene Singsang und die Gebete, mit denen sich die Brüder zu stärken versuchten, hatte etwas Heiliges an sich. Der fürchterliche Gestank, der in der Luft hing war bereits alltäglich geworden, man nahm ihn beinahe nicht mehr bewusst wahr. Er blickte dem Mönch, dem er seinen Sohn übergab, direkt in die Augen und fand darin ein solch tiefes Verständnis und Mitfühlen, dass er beinahe beruhigt die Rückreise zu Anna antrat. Sollte er wirklich zu ihr zurück? Konnte er das denn? Aber sie brauchte ihn, denn nur gemeinsam konnten sie vielleicht diesen Schicksalsschlag überleben und etwas Neues beginnen. Dies war in der jetzigen Situation zwar undenkbar, aber irgendwie musste es ihnen gelingen, sich wieder am Leben zu beteiligen. All den Menschen, die ebenso wie er mit gesenktem Haupt zu ihren Häusern zurückkehrten ging es genauso, auch für sie hatte sich das Leben grundlegend verändert. Wie nur sollte er Anna zurückholen, wo er selbst nicht diese Stärke besaß?

Als er wieder in ihrem Haus angekommen war, trat er still in die Stube, Anna lag schlafend auf der Bettstatt, wahrscheinlich holte sich nun ihr Körper das zurück, was sie ihm in den letzten Tagen verweigert hatte. Thomas räumte alle Dinge, die ihn unmittelbar an Immanuel erinnerten wie in einem wütenden Rausch in eine kleine Truhe. Seine wenigen Kleidungsstücke an denen noch der Geruch des kranken schwitzenden Körpers haftete, warf er in die Feuerstelle und sah den Flammen zu, die sich gierig über diese neue Nahrung hermachten. Eines der liebsten Spielzeuge von Immanuel, das er oft in Händen gehalten hatte und an dem er seine bereits wachsenden Zähnchen ausprobiert hatte, war ein kleiner Kasper, den ihm Thomas geschnitzt hatte. Vorbild dafür war eigentlich Karl gewesen, deshalb auch eine runde Gestalt und ein lächelndes Gesicht. Anna hatte aus tiefstem Herzen gelacht, als sie diese Schnitzerei das erste Mal zu Gesicht bekommen hatte, denn eine Ähnlichkeit mit dem sie oft beschützenden Original war in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Immanuel hatte die kleine Figur immer bei sich, auf deren Unterseite waren noch die Kerben seiner beiden kleinen Zähne zu sehen, sechs Stück hatte er bereits gehabt.

‚Welch Irrsinn’, dachte Thomas. ‚Während sein Körper zur selben Zeit in Flammen aufgeht, halte ich jenes Lieblingsfigürchen in den Händen, welches noch immer seine Spuren trägt.’ Er schwor bei sich, dass dieser kleine Karl ihn immer bis ans Ende seiner Tage an das kurze Leben seines Sohnes erinnern sollte. Der kleine Mann sollte ein unauslöschlicher Teil seines Lebens werden und selbst wenn ihnen Gott noch weitere Kinder schenken würde, so sollten sie alle von ihrem großen Bruder erfahren, der trotz seines kurzen Lebens einen solch tiefgreifenden Eindruck in ihnen hinterlassen hatte.

Neben dem kleinen Holzkreuz, das Anna, wie sie das noch von ihrer Mutter kennen gelernt hatte, in eine Ecke der Stube gehängt hatte, befand sich eine kleine Nische in der mit Lehm ausgefüllten Wand. In diese stellte er behutsam den kleinen Karl, legte noch eine Blume davor, die er auf dem Weg zurück gedankenverloren gepflückt hatte und musste beinahe lächeln, auch wenn ihm unendlich schwer ums Herz war. Er zog sich aus und legte sich zu seiner Frau in das nun viel zu groß erscheinende Bett. Die letzten Wochen seiner Krankheit hatte Immanuel immer zwischen ihnen verbracht, sie brachten es einfach nicht über sich, ihn allein in seinem Bettchen schlafen zu lassen. Anna reagierte nicht wie ansonsten üblich mit wohligen Knurren, sondern selbst im Schlaf zogen sich die tiefen Furchen ihrer Stirn noch weiter zusammen, sie schien zu träumen und sich in einer Welt zu befinden, welche weit jenseits eines versprochenen Paradieses war. Er fiel in einen tiefen, schwarzen Schlaf, der einer Ohnmacht nicht unähnlich war.

Als er am nächsten Morgen erwachte, kam ihm das Erlebte vollkommen unwirklich vor, er brauchte einige Zeit um sich die schrecklichen Tatsachen wieder zu vergegenwärtigen und sich ins Bewusstsein zu rufen, dass es sich nicht um einen schlimmen, um den schlimmsten aller Träume gehandelt hatte. Thomas lag allein im Bett, bis unter die Nasenspitze mit der Wolldecke zugedeckt, die ihn mit ihrer Wärme umfing. Nichts in ihm drängte ihn, dieses Nest zu verlassen. Sein Blick fiel auf Anna, die sich bereits angekleidet hatte und auf einem Schemel vor der kleinen Nische saß. Sie hatte ein Öllicht angezündet und auch in die Nische gestellt, den kleinen Karl hielt sie in ihren Fingern und weinte still vor sich hin. Thomas stand irgendwann doch auf, kleidete sich an und trat von hinten an Anna heran, behutsam legte er die Arme um sie und wusste nicht, was er sagen sollte.

„Wir schaffen das schon… Wir haben noch eine Menge zu tun.“

Hölzern klangen seine Worte in dem Raum.

Anna antwortete nicht, sie sah ihn auch nicht an, immer nur hielt sie das Püppchen in ihren Händen und sah hinauf zu der kleinen flackernden Flamme. Thomas war froh, dass sie ihm keine Fragen stellte was mit Immanuel passiert war, wohin er ihn gebracht hatte, denn sicherlich wäre er zu einer Erklärung im Moment nicht im Stande gewesen.

„Ich muss los, die Arbeit wartet. Ich werde gegen Abend wieder hier sein, wie jeden Tag.“

Mit diesen Worten drückte er ihr noch einen leichten Kuss auf die Wangen und verließ daraufhin das Haus. In der klaren Luft von Allstedt kamen ihm die enge Stube und deren stickige Luft wie eine andere Welt vor.

So vergrub er sich in den nächsten Tagen und Wochen in seiner Arbeit, mit der Zeit ließ die Zahl der Neuerkrankungen an der Seuche in der Stadt tatsächlich merklich nach und nach drei weiteren Monaten feierten die Überlebenden Allstedts sogar den ersten Monat in dem es keinen weiteren Pestfall mehr zu beklagen gab. Trotz aller Trauer und all dem Leid das die Familien getroffen hatte, waren sich die Überlebenden noch mehr verbunden, die Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe hatte beinahe harmonische Züge angenommen, die Menschen waren näher zusammen gerückt.

Thomas hatte sich auch verändert, er konnte unmöglich sein Leben einfach fortsetzen. Täglich kreisten seine Gedanken um Immanuel und jenen grausamen Gott, der ihm sein Liebstes genommen hatte. Nur noch selten sprach er mit Anna, sie schien sich in ihrer Trauer vergraben zu wollen, was ihn noch wütender machte. Diese Verbitterung setzte sich wie ein Kloß in ihm fest, richtete sich gegen ihn selbst, nach außen hin erschien er zwar stiller seit dem Tod seines Sohnes, aber er funktionierte noch. Er kam seiner Arbeit nach, hielt Haus und Hof in Ordnung und schien die Last zu tragen, wie all die anderen Menschen, die einen ähnlichen Verlust zu beklagen hatten.

Anna legte noch immer jeden Morgen eine frische Blume in die Nische, zündete das Talglicht an und weinte mit dem kleinen geschnitzten Karl zwischen den Fingern um ihren Sohn. Irgendwann stellte sie das Püppchen wieder zurück und dann ging auch sie ihrer Arbeit nach. Die Nächte waren furchtbar, oft lagen beide Eltern still weinend nebeneinander und fragten sich, wie sie wohl den nächsten Tag würden überleben können. Sie fanden die Kraft nicht dazu, sich gegenseitig Trost zu spenden.

Die Kontakte zu den Freunden, zu jenen, die die Seuche überlebt hatten, nahmen langsam wieder zu, aber die Freundschaften hatten sich verändert, all die Themen, welche vor der Pest wichtig waren, hatten an Bedeutung verloren und oft saß man nur still beisammen und teilte die Trauer.

Eines Abends erzählte Thomas seiner Frau, was sich noch alles in jener Nacht zugetragen hatte, ins besondere die beeindruckenden und wissenden Augen des Mönches, der ihm wie ein Engel in der leibhaftigen Hölle erschienen war. Still hörte Anna seinen Worten zu und als er geendet hatte, nahm sie ihn seit langer Zeit zärtlich in die Arme und gemeinsam vergossen sie endlich heiße Tränen um ihren Sohn. In gewisser Weise waren diese gemeinsam vergossenen Tränen auch die Besiegelung eines Neuanfangs, sie waren gewillt, weiter zusammen in die Zukunft zu schauen und ihre kleine Familie noch mehr, als diese bereits zuvor der Fall gewesen war, in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen. Doch der Stein in Thomas verdichtete sich, der ihm auf der Seele lag und gegen seinen Gott hadern ließ.

Es war etwas zerbrochen in ihnen, das Leben ging weiter, doch war nichts wie vorher. Trotz all der Abenteuer, die Thomas erlebt hatte, zusammen mit den Spielleuten und in der Zeit zuvor, seit Immanuels Tod hatte sich seine Sicht der Dinge verändert. Die Irrungen und Wirren seines bisherigen Lebens waren mal gute, mal schlechte Erfahrungen, ebenso wie seine abenteuerliche Flucht vom Gutshof, das Zusammenleben mit Anna. Dennoch war die Zäsur des Todes stärker als alles andere. Ihr Leben hatte sich in seinen Wurzeln verändert und auch wenn sie nach gut einem Jahr wieder einigermaßen zusammen fanden: Nichts war wie zuvor. Jene ihrer Freunde, welche selbst keine eigenen Kinder verloren hatten, trauerten auch um die der Pest anheim gefallenen Opfer, doch nur die, die selbst ihrer Kinder beraubt wurden, konnten den seltsam tief empfundenen Schmerz nachvollziehen. Nach einem Jahr intensivster Trauer hatte Thomas das Gefühl, dass seine Seele zu sterben begann.

Anna und Thomas fühlten sich ihrer Zukunft beraubt, lebten aber nach der ersten Trauerzeit in steter Hoffnung, dass Immanuel ein weiteres Geschwisterchen bekommen könnte. Sie fanden wieder zueinander, blieben sich aber dennoch fremd. Thomas Blick auf die Welt verhärtete sich, stand mit Immanuels Geburt die Familie und das Leben und Sorgen mit ihr und für sie im Mittelpunkt seiner Gedanken, so schweifte er nunmehr immer öfter ab in jene Gedankenwelt, in der er bei seiner Flucht vom Gutshof gelebt hatte. Ebenso wie damals breiteten sich in ihm eine ihm selbst manches Mal beinahe unheimliche Unruhe und ein immer stärker werdender Zorn aus. Ebenso wie seine Wut auf Gott und die Welt kamen die Erinnerungen an seinen Vater langsam wieder an die Oberfläche.

Eines Abends traf sich Thomas wieder einmal mit Martin, zu dem er ein innigeres Verhältnis aufgebaut hatte, als zu seinem Freund Paul, vielleicht auch deshalb, weil Martin ebenfalls durch die Pest einen Sohn verloren hatte. Im Gegensatz zu Anna und Thomas hatten Martin und seine Frau Isabella jedoch noch zwei weitere Kinder, die ihnen über die härteste Zeit der Trauer hinweg halfen. Die Eltern hielten sich an der Stärke ihrer verbliebenen Kinder fest und gestanden es sich selbst nicht zu, sich gehen zu lassen und vollkommen am Leben zu verzweifeln. Ihre andere Sicht der Dinge half Thomas und Anna über viele Tiefen hinweg und im Laufe der Zeit wurde Thomas die Freundschaft zu Martin neben seiner Beziehung zu Anna die wichtigste Sache. Paul hatte inzwischen Allstedt verlassen, er hatte selbst keine Familie, hatte sich in der Hochzeit der Pest sogar als Helfer verpflichtet und in dieser Arbeit seine Beziehung zu Gott erkannt. Nachdem lange Zeit keine Pesttoten mehr zu beklagen waren, hatte er sich auf die Wanderschaft gemacht. Er wollte, wie er beim Abschied betonte, ein Kloster suchen, in dem er Gott näher sein könne. Das war im Spätsommer gewesen, seitdem hatten sie nichts mehr von ihm gehört.

Wie immer waren auch die Gespräche auf die verstorbenen Kinder gekommen, beiden Männern half dieser Austausch, das Gespräch über die Liebsten, die so früh von ihnen genommen wurden. Irgendwie kamen sie auf ihre Väter zu sprechen. Martin erzählte von seinem Vater, der starb, als er fast erwachsen gewesen war. Sein Vater hatte sogar noch Martins Frau kennen gelernt und als würdige Nachfolgerin auf seinem Hof anerkannt. Somit war er tatsächlich in Frieden gestorben in der Hoffnung, sein Sohn würde seinen aufgebauten kleinen Hof nicht in den Ruin führen. In Wirklichkeit gelang es Isabella und Martin sogar, den bestehenden Hof weiter auszubauen, sich ganz aus der Abhängigkeit freizukaufen und ein eigenständiges Leben zu führen. Wäre nicht die Pest dazwischen gekommen, es hätte ein vollkommenes Leben sein können.

Thomas konnte über seinen Vater, der eine allgemeine Berühmtheit allerorts war, nicht aus eigenen Erfahrungen berichten, noch immer schwieg er sich über die genauen Vorkommnisse auf dem Gutshof aus, also beschränkte sich sein Wissen über seine eigenen Wurzeln ausschließlich auf das Hörensagen Dritter. Aber er kannte Martin inzwischen so gut, dass er es wagte zumindest die Vermutung auszusprechen, dass sein Vater Thomas Müntzer sei. Im tiefsten Inneren spürte er wieder den Drang mehr wissen zu wollen, möglichst Menschen kennen zu lernen, die seinen Vater noch gekannt hatten.

Das Bier schmeckte gut, die Gespräche wurden hitziger, denn Martin gehörte nicht zu den Anhängern seines Vaters, eher sah er in der Gesellschaft wie man sie vorfand, eine von Gott gewollte Struktur, gegen die man nichts ausrichten sollte. Einen Beweis dieser These sah er im Scheitern der Bauernhaufen insbesondere auch im schrecklichen Tod von Thomas Vater. Martin bedauerte dies menschlich zutiefst, da er wusste, wie sehr seine Worte Thomas verletzten, er erkannte aber im Aufruhr keine Möglichkeit, die gottgewollte Struktur verändern zu können.

„Das sagst du doch nur, weil es euch inzwischen richtig gut geht“ wandte Thomas ein. „Würdet ihr zu den Hörigen oder gar Leibeigenen gehören, wäre euch wahrscheinlich der Tod im Kampf gegen die Unterdrücker willkommener, als das stete Dahinsiechen und sich Aufopfernmüssen für die hohen Herren!“

„Du redest, als würdest du selbst noch immer zu jenen Armen der Dörfer gehören. Habt ihr, du und Anna, es denn nicht auch geschafft euch aus euren Fesseln zu befreien? Wenn es euch gelang, wieso sollte dies nicht auch den anderen gelingen?“

Dieser Einwand brachte Thomas ein wenig aus dem Konzept. Dennoch war er der Meinung, dass es auch was mit glücklicher Fügung zu tun hatte, und dass man für eine solche Leistung den richtigen Partner brauche. Er erzählte von den etlichen unglücklich verlaufenen Fluchtversuchen aus dem Gutshof seiner Mutter und was Luitpold mit den Hörigen angestellt hatte. Niemals zuvor hatte er so intensiv und deutlich von dieser Zeit und seinem Leben dort berichtet. Das Bier löste seine Zunge und er gab Dinge preis, die er eigentlich geheim halten wollte. In den schillerndsten Farben und mit der ein oder anderen Ausschmückung, schilderte er auch Luitpolds Treiben mit den jungen Mägden, während Martin ihm ungläubig zuhörte und langsam das Gefühl bekam, Thomas wolle ihm über die Zeit seiner Jugend einen Bären aufbinden.

„So wir du das schilderst, hätte sich das doch kein Dorfältester gefallen lassen! Schließlich gibt es ja auch Recht und Gesetz!“

„Hör bloß auf mit Recht und Gesetz! Als Leibeigener hast du auch dort keinerlei Rechte, wie stellst du dir das eigentlich vor? Was meinst du gilt vor einem solch ausgesuchten Rat das Wort eines Hörigen gegen das eines Steuer zahlenden Gutshofbesitzers? Glaubst du denn im Ernst es nimmt sich jemand die Zeit und tritt für die Armen ein??“

„Wozu haben wir denn sonst unsere Gerichte?“

„Man merkt, dass du niemals aus Allstedt heraus gekommen bist“, Thomas wurde immer ärgerlicher. „Die Zeit als Höriger konnte, gut für dich, dein Vater bereits beinahe beenden, sodass dir nicht mehr viel zu tun blieb. Aber du hast niemals die Qual der Knechtschaft spüren müssen.“

„Ach hör doch auf, Thomas! Wenn man deinen Worten Glauben schenken wollte, müsste man irgendwann auch die Vorgehensweise der Heiligen Inquisition anprangern, was nicht einmal du dir getrauen wirst – wenn auch nur mit Worten! Ebenso wie dieses Gottesgericht sprechen diese weltlichen Herren in aller Regel das von Gott verordnete Recht.“

Stille trat zwischen sie, er hatte einen Punkt angeschnitten, der Thomas in seinem tiefsten Innern traf und Gespenster herauf beschwor, von denen Thomas geglaubt hatte, diese längst begraben zu haben.

Leise gab er zur Antwort: “Was weißt du von der Heiligen Inquisition?“

„Mein Vater wurde mehrmals als wahrhaftig Gläubiger zum Beisitzer befohlen, als er die Hörigkeit bereits ein paar Jahre abgelegt hatte. Offensichtlich sah man in ihm einen unanfechtbaren Zeugen der Prozesse, ‚ein Mann aus dem Volk’, gewissermaßen.“

„Was hat er von den Prozessen erzählt?“


“Nicht viel, sie schienen alle ähnlich abzulaufen, er ging nie in die Details, auch wenn wir alle wussten, was er meinte, wenn er von der ‚peinlichen Befragung’ erzählte. Er war ein Mann Gottes – und so sehe ich das auch. Mit Hilfe seines Glaubens und mit Hilfe der ebenso fest im Glauben verhafteten Richter und Büttel, konnte die Hexerei erfolgreich eingedämmt werden.“

Thomas hatte genug gehört. Er nahm seinen Becher, ließ ihn von Martin erneut mit Bier füllen und trank ihn in einem Zug aus, so als wolle er sich Stärkung aus dem Hopfensaft holen. Dann begann er mit leiser Stimme die ganze Wahrheit über seine Mutter zu erzählen: wie ihr von Luitpold mehrmals Gewalt angetan wurde, wie sie sich rächen wollte und welche Rolle die Heilige Inquisition dabei spielte. Martin war sprachlos und lauschte mit offenem Mund dem Bericht. Als die Rede auf die Inquisition kam, machte er schnell das Kreuzzeichen und schloss die Augen. So saß er am Tisch und es schien, als schlafe er, bis Thomas geendet hatte mit seinem Bericht über die Beisetzung seiner Mutter unter jener gewaltigen Buche im nahe gelegenen Waldstück. Das Ende Luitpolds verschwieg er.

„Es tut mir leid, ich wusste das alles nicht, du hast davon noch niemals erzählt. Jetzt wird mir allerdings vieles klarer. Ich hatte bislang selbst keinen Kontakt zur Heiligen Inquisition, allein die Erzählungen meines Vaters passen nicht zusammen mit dem Bild, das du über unsere Kirchenhüter ausbreitest. Kann es denn wirklich sein, dass einem einzigen Menschen ein derartiges Unrecht widerfährt? Oder war es vielleicht so, dass sich all dies in deiner damalig jugendlichen Auffassung nur so darstellte? Versteh mich nicht falsch, ich möchte in keiner Weise die Wahrheit deiner Worte anzweifeln…“
“Daran gibt es auch nichts zu zweifeln!“. Thomas begann sich über Martins Haltung schon wieder zu ärgern. Gleichzeitig bemerkte er seinen Fehler, sein Leben das erste Mal vor einem Menschen so ausgebreitet zu haben, ihm Dinge erzählt zu haben, die er bisher nur Anna erzählt hatte.

„Es war eine schlimme Zeit, ich bin froh, dass die vorbei ist.“ Insgeheim hegte er die Hoffnung, das Gespräch auf etwas anderes lenken zu können, aber das Ausgesprochene hatte seine Wirkung bei seinem Freund nicht verfehlt. In gewisser Weise hatte er sogar dessen Lebenseinstellung dadurch in Frage gestellt. Denn für Martin war die Kirche neben der Familie der feste Punkt, um den sich alles drehte. Mit Thomas Angriffen auf die Heilige Inquisition und deren Vorgehensweise, griff er auch ihn persönlich an.

„Ohne dir zu nahe treten zu wollen, Thomas, aber es muss doch einen Sinn gehabt haben, dass die von der Heiligen Mutter Kirche zur damaligen Untersuchung Bestimmten den Leichnam deiner Mutter genauestens prüften. Mag sein, dass sie einem Schwindel auflagen, dass sie von, wie hieß der Gutsherr?“

„Luitpold.“

„…Luitpold und dessen Frau hinters Licht geführt wurden. Unter normalen Umständen hätte diese Untersuchung am toten Körper deiner Frau Mutter wahrscheinlich nicht stattgefunden.“

„Das hat sie nun aber und das Schreckliche an der Sache ist ja, dass man auch diese vermeintlichen Hexenmale gefunden hat!“

Stille trat zwischen sie. Martin sah ihn mit großen Augen an, griff dann nah seinem Becher und nahm einen Schluck Bier. Seine Körperhaltung verriet, dass irgendwas in ihm tobte. Schließlich ergriff er wieder das Wort.

„Eben das verwundert mich, das hätte eigentlich nicht sein dürfen. Sie hätten nichts finden dürfen. Wenn nicht…“

„Martin! Kein weiteres Wort mehr dazu! Du redest hier von meiner Mutter! Wenn dir auch nur annähernd in den Sinn kommt, dass es sich wirklich um eine wahrhaftige Hexe handelte, wenn es denn die wirklich gibt, dann…“


“Du zweifelst doch nicht etwa an der Existenz des allmächtigen Gegenspielers unseres Heilands, Thomas?“

„Wenn meine Mutter eine Hexe gewesen ist, muss dir klar sein, wer vor dir sitzt: Ich bin ihr Sohn!“ Leiser fügte er hinzu, denn er hatte sich in Rage geredet: “Und ich bin stolz darauf.“

Zwischen den beiden Streithähnen war im Laufe ihres Gespräches eine beinahe greifbare Spannung entstanden, Martin sah ein, dass es Thomas mit seiner Erzählung und seiner Meinung über die Inquisition todernst war. Wie wohlwollend er auch mit dieser Meinung umzugehen bereit war, die unterschiedlichen Standpunkte waren geklärt. Martin wollte es mit einer Einigung versuchen:

„Vielleicht haben sie sich auch geirrt und durch die … post mortem unterzogene Überprüfung … haben sie die Haut deiner Mutter irgendwo verletzt und dies fälschlicherweise als Hexenmal gedeutet? Das würde alles erklären. Und da sie sich auf dem falschen Weg befanden, sich aber dessen nicht bewusst waren, mussten sie alles für die Verbrennung vorbereiten. Ist das nicht möglich?“
“Das bezweifle ich, denn das Mal wurde an einer normalerweise nicht sichtbaren Stelle gefunden – bedenke, ich habe den nackten Körper meiner Mutter gesehen, ich kann mir vorstellen was sie alles mit ihr angestellt haben.“

„Wie ‚nicht sichtbare Stelle’? Wie meinst du das?“

„Es gibt Stellen an Jedermanns Körper, ins besondere des weiblichen, die selbst die Ehemänner niemals zu Gesicht bekommen. Von Gott der Scham halber mit Haaren bedeckt, welche die Schergen der Kirche aber abflammten, nachdem sie offensichtlich auf der Suche nach dem Hexenmal bis dahin auf nichts Verwertbares gestoßen sind. Ich bin froh, dass meine Mutter zu diesem Zeitpunkt längst tot war und diese Schändung allein ihren Leib betraf, die Seele war längst bei Gott. Nicht vorstellbar, was jene Frauen und Männer erleiden müssen, die noch bei Bewusstsein sind. Und dein Vater war Beisitzer dieser Vorgehensweise bei anderen Prozessen! Kannst du dir vorstellen, weshalb er euch niemals was erzählt hat?“

„Die Arbeit meines Vaters war rechtmäßig. Er hat im Dienste der Kirche gehandelt, damit im Dienste Gottes!“

„Mein Martin. Wie blind bist du bislang durchs Leben gelaufen. Ich bedauere zutiefst, dir all das erzählt zu haben. Es hätte mir selbst bei dir klar sein müssen, auf wie wenig Verständnis ich hoffen darf.“

Ohne ein weiteres Wort an Martin zu richten, stand Thomas auf, zog sich seine von Anna gefertigte derbe Jacke über und verließ ohne weitere Verabschiedung das Haus seines Freundes.

Es war spät geworden und Thomas ärgerte sich über sich selbst. Einmal mehr hatte er den Fehler gemacht, der Wirkung des Bieres erlegen zu sein. Es endete immer gleich: Im Nachhinein bereute er seine Worte, oder gar Handlungen. Ein derartiges Wortgefecht, aus dem es keinen Ausweg zu geben schien, hatte er mit Martin bisher noch nicht gehabt. Doch so sehr er diese Situation jetzt bereute, an seinen Worten blieb kein Zweifel – er hatte die Wahrheit gesprochen und in diesem Punkt ließ er keinerlei Widerspruch zu: Bei seiner Mutter handelte es sich um die beste Frau, die er in seinem Leben kennen gelernt hatte - neben Anna. Kein Mensch durfte auch nur das kleinste Jota eines Zweifels an ihrer Person aufkommen lassen, ohne dass er sie verteidigen würde. Wie konnte Martin nur so blind durchs Leben gehen und allem vertrauen?

Der Weg, den Thomas nach Hause zurücklegen musste, ließ ihm genügend Zeit, über all dies nachzudenken, aber je öfter er den Disput noch einmal in Gedanken durchging, desto wütender wurde er. Hatte er sich denn so in Martin geirrt? Oder lag es daran, dass er mit seinen Worten, als er Marie verteidigte, gleichermaßen den Vater seines Freundes angriff, ihn bloßstellte? Das wiederum würde die übersteigerte Reaktion Martins erklären. Wenn er doch nur selbst auch soviel über seinen Vater wüsste, aber alles was er bisher herausgefunden hatte, waren Bruchstücke: Entweder man erzählte ihm von Wundertaten Müntzers, oder aber man hatte ihn bereits als Aufwiegler verurteilt, der, Gott sei’s gedankt, seiner gerechten Strafe zugeführt worden war.

Plötzlich kam ihm sein Bruder wieder in den Sinn. Vielleicht hätte er damals doch nicht sofort die Beziehung abbrechen sollen. Vielleicht steckte doch noch mehr in Hans, als er dachte, schließlich floss in ihnen dasselbe Blut. Hatte er die Seuche überhaupt überlebt, oder war er ihr auch zum Opfer gefallen?

Thomas blieb an einer Abzweigung stehen, die hinauf zum Kloster führte und dachte nach. Es war schon spät und Anna wartete auf ihn. Seine Anna, die sich inzwischen wieder gefangen hatte, auch wenn sie dann und wann erneut in Schwermut verfiel und weinend vor Immanuels Nische saß. Aber sie hatten es nunmehr geschafft ein einigermaßen harmonisches Eheleben zu führen und auf weitere Kinder zu hoffen. Anna wartete auf ihn, aber irgendetwas in Thomas Inneren lenkte seine Schritte den Berg hinauf in Richtung des Klosters. Er würde noch einmal versuchen, ein Gespräch mit seinem Bruder zu führen, irgendeine Gemeinsamkeit musste doch zwischen ihnen beiden zu finden sein.

Er ging den Aufstieg langsam an, denn er wollte nicht dieselbe Erfahrung machen wie letztes Mal und auch das zuvor geführte Gespräch mit Martin hatte ihm noch einmal verdeutlicht, wie wertvoll sorgfältig gewählte Worte sein konnten. Von weitem betrachtet hatte das Kloster etwas Bedrohliches, nichts Einladendes. Aber er war nicht als Bittsteller zu den Mönchen unterwegs, kam nicht als Pilger, sondern als Besucher des Mannes, der denselben Vater hatte wie er: seines Bruders. Die Wirkung des Bieres in seinem Kopf ließ langsam nach.

 Ihren eigenen Text ein.